Bikram Yoga – überwinde deinen inneren Schweinehund


Bikram Yoga – let’s get natural high!

Der kalte verregnete Sonntag im Februar machte Lust auf mehr Wärme als die Heizung Zuhause liefern kann. Leider bin ich kein Saunafan und ein Flugticket in den Süden ist im Moment auch nicht drin. Da kam mir  Bikram Yoga in den Sinn – ich hatte schon so viel darüber gehört und wollte es immer mal ausprobieren… Gesagt, getan war ich unterwegs dorthin.

Schon beim Öffnen der Glastür zum Übungssaal schlägt mir die Hitze mit voller Wucht entgegen.

Ein kurzer Moment des Zweifelns beschleicht mich: „Was mache ich hier eigentlich?“

Ich betrete den Raum der bereits beinah völlig gefüllt ist…überall haben Yogis und Yoginis ihre Matte ausgebreitet und liegen entspannt auf ihrem Handtuch.

Der Anblick der Menschen auf dem Boden erinnert mehr an das Ufer eines Badesees als an eine Yogaklasse.

Ich bin schnell als absoluter Anfänger erkennbar – ich trage als einzige im Raum eine lange Legging mit T-shirt.

Alle anderen sind minimal bekeidet: sowohl Männer als Frauen in Hotpantsmässigen Shorts die auch Badehosen sein könnten, die Frauen tragen noch einen Sport-BH und sonst nichts.

Schon nach wenigen Minuten wird mir auch klar warum: der Schweiß hört nicht auf zu fliesen und das obwohl ich mich noch kein bisschen bewegt habe.

Dann ist es soweit. Ben, der Yogalehrer betritt den Saal. Ich schaue nach Vorne wo ich ihn wie bei einer normalen Yogastunde erwarte, aber ich sehe nur mich und all die anderen Teilnehmer im Spiegel stehend. Wieder fällt mir auf, dass ich die Einzige in langen Klamotten bin.

Ben positioniert sich auf einem kleinen erhöhten Podest hinter uns. Ich stehe in der hintersten Reihe so wie er mir das empfohlen hatte, denn so bin ich dicht bei der Tür und die Hitze ist hier angeblich noch am Geringsten.

Ich will mir in diesem Moment gar nicht vorstellen, wie ich hier 90 Minuten drin durchhalten soll.

Ein Glück wurde ich schon vor der Stunde gut instruiert: „Schau wie es dir in der Wärme geht… Du musst nichts mitmachen. Vielleicht braucht dein Körper auch erst mal seine Zeit um sich an die Temperatur zu gewöhnen. Du kannst dich jederzeit hinsetzen oder hinlegen wenn dir schwindelig wird…“ So richtig beruhigt bin ich nicht.

Wir beginnen mit einer Atemübung: Tiefes Einatmen durch die Nase während wir die Ellenbogen so hoch wie möglich bringen und die Schulterblätter zueinander ziehen und dadurch den Brustkorb weit öffnen. Während der Ausatmung bringt man dann die Handflächen und Ellenbogen zueinander und lässt den Kopf nach hinten sacken.

Der Schweiß läuft mir dabei in die Augen und ich schließe sie. Das wird sofort von Ben bemerkt und er ruft: „Die Augen immer geöffnet halten, keep the energy high!“

Wir gehen durch die Serie der stehenden Asanas.

Bikram Yoga unfasst eine feste Reihenfolge von 26 Asanas ( Yogahaltungen) inklusive von 2 Atemübungen, eine davon wird zu Beginn der Stunde ausgeführt und eine zum Abschluss. Nachdem wir uns durch herausfordernde Haltungen wie Dandayamana JanuShirasana (wobei man auf einem Bein steht und versucht den Fuß des anderen Beins zu umfassen und dann dieses Bein nach vorne zu strecken und mit der Stirn das Knie zu erreichen) gequält haben kommt der Moment von Savasana – der Leichenhaltung. Wir entspannen nach den Anstrengungen der stehenden Übungen bevor wir in die zweite Hälfte übergehen.

Erschöpft aber gleichzeitig auch voller Energie liege ich am Boden. An den Schweiß der nicht aufhört zu laufen habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Meine Legging und T-Shirt sind klitschnass und kleben an mir wie eine zweite Haut. Ich schaue nach oben auf die nackte Betondecke und frage mich ob sich die Yogis in India immer so fühlen bei ihren Übungen im wärmeren Klima.

Ich habe nicht viel Zeit um meinen Gedanken nach zu hängen.

Während wir noch am Boden liegen ziehen wir das Knie von einem Bein zum Brustkorb (Pavanamuktasana für die Kenner),dann Seitenwechsel, danach beide Beine und schon kommt wieder das Kommando „change“. Mit einer Sit-up Übung kommen wir erneut hoch und gehen in die Bauchlage zur Cobra. Nach dem „Second Set“ = der zweiten Runde jeder Asana geht es kurz wieder zurück in Savasana und von hier aus mit dem Sit-Up wieder hoch zur nächsten Position.

Die kurze Rückenlage zwischendurch verwirrt mich ein wenig und so ziehe ich kurz allgemeines Gelächter auf mich, als ich mich nach dem Sit-Up einmal komplett um mich selbst herumdrehe um wieder Richtung Spiegel zu schauen. „Keep the focus“ lacht Ben mich an. Leichter gesagt als getan, das ständige Auf und Ab macht mich ganz matschig im Kopf. Und dann ist plötzlich schon Schluss… Im Saal hängt keine Uhr und so habe ich Zeit und Raum komplett verloren. Ich hatte mich auch nicht vorher informiert wieviele Asanas die Bikramreihe hat, denn ich liebe es alles spontan zu erfahren ohne mich groß darauf vorzubereiten. Auf diese Weise probiere ich mehr im Moment zu sein und ohne Erwartungen an ein Erlebnis – es kommt so wie es kommt.

Wir knien auf den schweißdurchtränkten Handtüchern und schließen mit 3 Runden Kapalbhati ab.

Bei dieser Atemübung die auch Schnellatmung oder Feueratem genannt wird, atmet man schnell ein und aus und zieht während der Ausatmung den Bauchnabel in Richtung Wirbelsäule, so als ob man den Atem rauspressen will. Die Einatmung erfolgt von selbst. Durch das Schnelle Atmen wird der Sauerstoffgehalt im Blut stark erhöht und der Stoffwechsel angekurbelt, der Körper entschlackt. Außerdem steigt die Energie vom Bauchzentrum (dem Sonnengeflecht) nach oben in Richtung Kopf, weshalb diese Übung übersetzt auch „scheinender oder leuchtender Schädel“ genannt wird.

Dann dürfen wir ein letztes Mal liegen, die abschließende Savasana. Die Deckenbeleuchtung geht aus. Es wird still im Saal, nur die Ventilatoren an der Decke rauschen hoch über unseren Köpfen.

Auch in mir ist absolute Stille… dies ist der Zustand denn ich so liebe und immer wieder Suche…komplettes Nichts…keine Gedanken, keine Gefühle, nichts mehr wollen, einfach nur sein…komplette Leere im Kopf…was für eine Wohltat!

Gleichzeitig strömt die Energie durch meinen Körper. Ich höre wie die ersten Leute ihre Matten einrollen und den Saal verlassen. Ich bleibe noch kurz liegen und lasse das Erlebte in mir besinken.

Dann erhebe auch ich mich leise, ungefähr die Hälfte der Teilnehmer liegen noch entspannt am Boden. Wieder erinnert mich der Anblick an einen Strand voller Badegäste die sich sonnen. Die Gesichter sehen friedlich aus.

Ich gehe wie auf Wolken in die Umkleidekabine. Obwohl schon drei andere Frauen hier sind herrscht auch hier absolute Ruhe.

Jede von uns ist in ihrem persönlichen Nirvana.

Ein Mädchen mit hochrotem Gesicht schaltet den Ventilator in der Ecke an, ich nicke ihr wohlwollend zu und sie lächelt zurück. Ich höre die Duschen rauschen. Langsam und andächtig pelle ich mich was meiner durchnässten Kleidung. Ich bin wie Wurst in der Pelle, treffender kann ich es nicht beschreiben. Ich gehe wie in Zeitlupe zum Waschbecken und wringe meine Anziehsachen aus. Neben mir stopft eine ältere Frau ihr Handtuch und ihre Sachen in einen Plastikbeutel. „Oh ja“, denke ich kurz, „daran muss ich das nächste Mal denken…“ Denn so wie jetzt möchte ich mich öfter fühlen.

Ich bin total high, natural high!

Die Anstrengung in der Hitze hat all meine köpereigenen Endorphine ausgeschüttet und ich fühle mich so happy und ausgeglichen wie lange nicht mehr. Ich bin so unglaublich relaxt inside. Auch unter der Dusche kann ich nicht aufhören zu grinsen. Das kühle Wasser strömt erfrischend über meinen Körper, ich fühle mich so rein wie ewig nicht. Alle Poren sind geöffnet und alle Unreinheiten und Gifte aus mir geschwitzt. Meine Haut ist nach dem Abtrocknen samtweich. Beim Bikramyoga wird propagiert kein Duschgel und keine Kosmetika im Yogastudio zu gebrauchen. Ich wäre in diesem Moment auch überhaupt nicht darauf gekommen um irgendetwas zu benutzen, ich fühle mich perfekt so wie ich bin. Auch nach einem Blick in den Spiegel kann ich nichts anderes empfinden und das obwohl ich einen puterroten Kopf habe.

Die Hitze in mir glüht noch lange nach. Als ich aus der Umkleide gehe und mich auf die Bank im Eingangsbereich setze um meine Schuhe wieder anzuziehen fühle ich wie mir erneut der Schweiß aus allen Poren bricht. Ich habe unglaublichen Durst und leere meine Wasserflasche von 1,5 Litern in einem Zug. Das Nachschwitzen hält noch eine Weile an, auch als ich langsam durch den kühlen Abend zum Bahnhof schlendere.

Keine Frage: ich komm wieder…aber dann in Hotpants!

Denn Hot yoga ist echt hot 😉

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *